Parschat "Beha'alotecha" (4. Buch Moscheh "Numeri" 8,1 - 12,16) S.413
Die silbernen Trompeten

"Und der Ewige redete zu Moscheh also: Mache dir zwei Trompeten von Silber" (Num. 10,1-2). Wofür werden diese Trompeten gebraucht? 

Für dreierlei: 
1. Zum Zusammenrufen der Gemeinde und zum Aufbruch [des Lagers] 
2. Zum Krieg: "Wenn ihr in eurem Lande gegen den Feind, der euch bedrängt, zur Schlacht auszieht, so sollt ihr mit den Trompeten Lärm blasen" (10,9) 
3. "Und an eurem Freudentage, und an euren Festen" (10,10). 

"Zum Krieg" schließt alle Bedrängnisse ein, die die Gemeinschaft befallen können, wie Rabbiner Moscheh ben Maimon ["Maimonides" = größter nach-talmudischer Rabbiner, u.a. Kodifizierer sämtlicher jüdischer Gesetze im Werke "Mischne Tora", lebte vor ca. 800 Jahren] definierte: "Es ist eines der aktiv auszuführenden Gebote der Tora, bei 
jedem die Gemeinschaft befallenden Bedrängnis [zu G~tt] zu schreien und mit den Trompeten Lärm zu blasen, wie es heißt: ..so sollt ihr mit den Trompeten Lärm blasen (siehe oben), das heißt, über alles, was euch bedrängt, wie zum Beispiel Dürre, Pest, Heuschrecken oder ähnliche Plagen, sollt ihr aufschreien und Lärm blasen" (Mischne Tora, Fastengesetze 1,1). Man sollte sich vergegenwärtigen, und wir sollten stets daran denken, daß diese Welt nicht dem Zufall überlassen wurde - nichts entgeht dem Gesetz oder dem höchsten Richter, der alle Geschichtsabläufe lenkt und alle diese Dinge plant. Das muß man sich mit lauter Stimme ins Bewußtsein rufen, mit der Stimme der Trompeten. 

Darum ist es eigentlich verwunderlich, warum dieses Gebot heute nicht zur Anwendung kommt. Einer der Gesetzeskommentatoren ("Magen Awraham") meinte hierzu, daß außerhalb Israels in den entsprechenden Situationen kein allgemeines Fasten auszurufen sei, andererseits das Gebot vom Lärmblasen auch dort gelte, und traf keine endgültige 
Entscheidung. Vielleicht können wir das Gebot nicht ausüben, weil uns die silbernen Original-Trompeten fehlen? Antwort: Was hindert uns daran, andere Trompeten anzufertigen - und sowieso reicht auch ein Schofar zur Erfüllung des Gebotes vollkommen aus. 

Dem Kommentar "Mischna Brura" zum "Schulchan Aruch" (= Kodex aller in der Diaspora einzuhaltenden Gesetze, verfaßt vor ca.450 Jahren von Rabbiner Josef Karo / Mischna Brura = Zusammenfassung der wichtigsten Erläuterungen zu einem Teil des Schulchan Aruch, verfaßt von Rabbiner Israel Meir Hakohen vor ca.100 Jahren) entnehmen wir die Ansicht, daß dieses Gebot nur in Israel Gültigkeit hat (§576; es ist sicher kein Zufall, daß diese Zahl, in hebräischen Buchstaben ausgedrückt taw-kuf-ajin-waw "ins Horn stoßen" bedeutet): "Wenn ihr in eurem Lande..."(s.o.). Nun sitzen wir aber inzwischen in unserem Lande. Weiter führt er an: "auch im Lande Israel nur dann, wenn es sich unter unserer Oberhoheit befindet". Aber auch das trifft, G~tt sei Dank, inzwischen zu. Abschließend heißt es: "möglicherweise nur in dem Fall, wenn sich die 
Mehrheit des jüdischen Volkes dort befindet, dann besteht das Gebot des Lärmblasens, sonst aber nicht". Doch auch hier wird jeder einsehen, daß alles, was heute in Israel geschieht, seine Auswirkungen auf das ganze jüdische Volk hat, auf seinen Erfolg und auf seine Sicherheit, auf die Einsammlung seiner Zerstreuten und die Vorbereitung seiner 
messianischen Herrschaft. Der Staat Israel ist nicht nur eine Angelegenheit seiner Bürger, sondern des ganzen jüdischen Volkes, im Guten wie im Schlechten. Alles, was hier geschieht, wirkt sich machtvoll direkt oder indirekt auf die gesamte jüdische Gemeinschaft aus. Darum sollte man sich wirklich ernsthaft überlegen, diesem Gebot zu seinem alten Glanz zu verhelfen. 

Vor allen Dingen darf man nicht vergessen, daß G~tt die Geschehnisse lenkt, wie geschrieben steht: "so sollt ihr mit den Trompeten Lärm blasen; dann werdet ihr vor dem Ewigen, eurem G~tt, die Aufmerksamkeit auf euch lenken" (Num. 10,9). Und in den Worten Maimonides': "Und dies gehört zu den Wegen der reumütigen Umkehr, daß man zur Zeit eines Bedrängnisses darüber aufschreie und Lärm blase, und so Alle wissen, daß sie dieses Unglück wegen ihrer Missetaten befiel...wenn sie aber nicht aufschreien und lärmblasen, sondern sagen, dies sei bloß Zufall, Naturereignis, so ist dies eine Form der Grausamkeit..." (Mischne Tora, Fastengesetze 1,1). Anderenfalls aber: "...werdet ihr vor dem Ewigen, eurem G~tt, die Aufmerksamkeit auf euch lenken und vor euren Feinden 
errettet werden" (Num. ebda.).

[Anm.d.Red.: Die silbernen Trompeten wie auch andere Tempelgeräte wurden inzwischen vom Tempelinstitut in Jerusalem rekonstruiert und schon bei mehreren öffentlichen Gebetsversammlungen an der Klagemauer eingesetzt].