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JOM KIPPUR S.455
Dem Nächsten vergeben
An Jom Kippur verbringen wir die meiste Zeit mit Geboten zwischen Mensch
und G~tt, nämlich mit Gebet und reumütiger Umkehr. Doch das alles
nützt bekanntlich gar nichts, wenn man nicht vorher die an seinen
Mitmenschen begangenen Sünden aus dem Wege räumt; Jom Kippur
schafft dafür keine Vergebung, solange der Betroffene ihm nicht
vergeben hat.
Zu unserem großen Leidwesen gibt es niemanden, der nicht irgendwann
mal seinem Nächsten absichtlich, irrtümlich oder ganz unbeabsichtigt
Kummer bereitet hätte, und diesem die Angelegenheit noch auf dem Herzen
liegt.
Doch da erschien der große Kabbalist Rabbi Jizchak Luria, der
eine wichtige Verbesserung einführte: er fügte folgenden Abschnitt
in das vor dem Einschlafen von jedem zu sprechende Nachtgebet ein: "Ich
vergebe hiermit jedem, der mich in Wut gebracht, heruntergemacht oder sonstwie
gegen mich gesündigt hat, sei es gegen meinen Körper, mein Vermögen,
meine Würde oder alles, was mir gehört, sowohl unabsichtlich
als auch willkürlich, irrtümlich als auch absichtlich usw.".
Wenn wirklich alle Juden regelmäßig diese Erklärung abgäben,
könnten sie mit reinem Gewissen und frei von Schuld am Nächsten
schlafen gehen. Leider aber sprechen nicht alle diesen Text, und nicht
alle meinen auch im Ernst, was sie da sagen. Daher wurde ein weiteres Gebet
verfügt, vor "Kol Nidre", "Tefila Saka" vor Eintritt des heiligen
Tages, nämlich ausdrücklich auszusprechen und zu beschließen,
jedem, gegen den man etwas haben
könnte, zu verzeihen. Aber auch hier besteht dasgleiche Problem,
daß nämlich nicht alle dieses Gebet sagen. Daher müssen
wir uns alle "mit heiligem Mut gürten" und beschließen, daß
wirklich
jeder jedem vergibt. Wir, die Mitglieder der israelitischen Nation,
schließen hiermit ein "Abkommen": "Ich bin bereit, jedem zu vergeben,
wenn ich weiß, daß auch jeder andere so denkt". Und dies nützt
auch bezüglich der Umkehr und Sühne von seiten G~ttes, denn dem,
der sich selbst überwindet, vergibt man alle Sünden. Wer seinem
Nächsten vergibt, erlangt selber himmlische Vergebung.
Diese Vergebung muß wie gesagt von ganzem Herzen erfolgen. Und
wie? Man kann sich vielleicht mit drei feinsinnigen Gedankengängen
behelfen:
1. Zu wissen, daß man selbst nicht ganz schuldlos ist und häufig
ganz genau demselben Fehler verfällt, dessen man den anderen bezichtigt.
Nicht nur das; häufig überträgt man auch seine eigenen Vergehen
auf andere. Eine talmudische Regel besagt, daß jemand, der andere
bemäkelt, meist selber von diesem Makel behaftet ist [und nur von
sich ablenken
will]. Man muß sich stets vergegenwärtigen, daß auch
der andere eine Person, Persönlichkeit und Mensch wie man selber ist.
2. Anzuerkennen, daß der Nächste in Wirklichkeit ein guter
Mensch ist. Er mag vielleicht seine Mängel haben, man muß diesen
aber nicht übertriebene Bedeutung beimessen. Auch wenn eine Antipathie
besteht ["der Kerl regt mich auf!"], darf man nicht die wahren Proportionen
aus den Augen verlieren. In diesem Fall muß man sich auf die guten
Seiten konzentrieren.
3. Für die Zukunft aufsichzunehmen, niemanden mehr zu hassen:
weder bei der Arbeit, weder im gesellschaftlichen Umfeld noch im Kreise
der Familie. Obwohl in vielen Fällen jemand Zurechtweisung verdient,
darf diese doch nicht aus Haßgefühl erfolgen, im Gegenteil,
"milde Antwort wendet ab den Grimm" (Sprüche 15,1), und "dereinst
bereden sich, die den Ewigen fürchten, miteinander, und der Ewige
vernimmt und hört es"
(Maleachi 3,16). |
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