Parschat "Nasso" (Num.4,21 - 7,89) S.409
Enthaltsamkeit

[Im 6. Kapitel lernen wir die Gesetze vom "Nasir" (Geweihter), ein sich G~tt besonders durch sein Enthaltsamkeitsgelübde Weihender, das ihn dauernd oder auf begrenzte Zeit bindet. Ihm ist der Genuß von allen Traubenerzeugnissen, insbes. Wein, verboten; er darf keine Leichenunreinheit auf sich kommen lassen. Sein Haar darf er erst nach Beendigung des geweihten Zustandes schneiden, wobei er ein Opfer im Tempel darbringt.] 

Auf den Nasir und Andere sich von den Genüssen dieser Welt Enthaltende hat man schon gar viele Lobpreisungen gehäuft. Dort, wo vom Nasir die Rede ist, heißt es in der Tora: "die Weihe seines G~ttes ist auf seinem Haupte" (Num. 6,7), wobei das Wort für "Weihe" auch die Bedeutungen "Krone" und "Exzellenz" beinhaltet, wie in "..und auf den Scheitel des Gekrönten (Nasir) seiner Brüder" (Dt.33,16). 

Der Prophet Jirmijahu (Kap.35) lobt ausgiebig die Nachkommen des Jehonadaw ben Rechaw, die das Enthaltsamkeitsgelübde ihres Vaters weiterführten und dadurch den besonderen Segen G~ttes erhielten. Beim Propheten Amos klingt sogar an, daß die Enthaltsamkeit eines der Ideale der kommenden Welt sei: "Und stellte von euren Söhnen zu Propheten auf, und von euren Jünglingen zu Nasiräern" (2,11). 

Demgegenüber gibt es einige Bemerkungen unserer talmudischen Weisen, die sich vom Nasiräerwesen distanzieren, denn der Nasir wird auch "Sünder" genannt, wie es heißt: "..dafür, daß er sich an der Seele versündigt hat" (Num. 6,11) [aus dem Zusammenhang muß "Seele" hier mit Leichenunreinheit verstanden werden, eine andere Auslegung aber 
besagt, daß der Nasir sich an seiner eigenen Seele versündigt, weil er sich des Weines entsagte - siehe Raschikommentar]. 

Im Buche "Messilat Jescharim" ("Der Weg der Frommen") bringt der Autor im Abschnitt über die Eigenschaft der Enthaltsamkeit (13.Kapitel) einige sich scheinbar widersprechende Zitate von unseren talmudischen Weisen und erklärt dazu, alles hänge davon ab, wovon sich der Mensch enthält - wenn von lebensnotwendigen Dingen, so wird seine Enthaltsamkeit verurteilt; wenn von Überflüssigem, so gilt sie als 
erstrebenswert. So erklären sich auch die wesentlich kürzer gehaltenen talmudischen Aussprüche, wonach einerseits der Nasir ein Sünder genannt wird (s.o.), andererseits "heilig" (Num.6,5): es kommt immer darauf an, ob der Betreffende den selbstgestellten Ansprüchen standhalten kann oder nicht (Ta'anit 11b).

Natürlich gibt es hier Unterschiede von Mensch zu Mensch, und die extreme Enthaltsamkeit steht nur einigen wenigen Auserwählten gut an. Sollte nämlich die breite Masse versuchen, sich über ihr Vermögen in heilige Höhen aufzuschwingen, so wird sie nur um so tiefer fallen. Die Menschen müssen sich an den "goldenen Mittelweg" halten, denn für sie ist dies der Weg des Lebens, auf dem sie Leben finden werden. Nur einige Wenige erlangen all dieses Leben und noch darüberhinaus durch Enthaltsamkeit. 

Entspechend schrieb auch Rabbiner Awraham Jizchak HaKohen Kuk (erster Oberrabbiner Israels): "Es ist wahr, daß der Mittelweg der Weg des Lebens ist, des Lebensglückes, geeignet für Jedermann... Allerdings... ...finden sich auf der Welt Einzelne, denen eine erhabene Weltanschauung und äußerste Enthaltsamkeit.. gut zustehen". "Und jene Größen finden in ihren extremen Lebensinhalten diejenige Befriedigung und das vollkommene Glück in wesentlich umfassenderen Maße als jene in 
ihrem Herzen, die den ihrer Natur entsprechenden Mittelweg gehen" (Mussar Hakodesch).