ROSCH HASCHANA  S.454
Das Schofar

Beginn und Endzeit des jüdischen Volkes begegnen sich im Schofar. Beginn, wie es im Mußafgebet von Rosch Haschana heißt: "In der Wolke Deiner Herrlichkeit bist Du über Deinem Volke offenbar geworden.. ..unter Donner und Blitz bist Du über ihnen offenbar geworden und bist mit Schofarruf über ihnen erschienen" (siehe auch 2. Buch Moscheh "Exodus", 19,16). Und in der Endzeit der Erlösung, nach den Worten des 
Propheten Jeschajahus (27,13): "Und es wird so sein, daß an jenem Tage in das große Schofar gestoßen werde, und herbeikommen die Verlorenen im Lande Aschur und die Verstoßenen im Lande Mizrajim, und bücken sich vor dem Ewigen auf dem heiligen Berge in Jerusalem"

Die Offenbarung des Schöpfers wird vom Schofar symbolisiert: das Mundstück gleicht der Offenbarung des höchsten Willens bei der Übergabe der Tora des "und bist mit Schofarruf über ihnen erschienen" (s.o.), und das offene Ende weist in die Richtung der universalen Erleuchtung der Völker des "und bücken sich vor dem Ewigen auf dem 
heiligen Berge in Jerusalem", wenn "in das große Schofar gestoßen" wird. 

Nun gibt es, wie die Chassidim erklären, zwei Sorten "Verlorene" und "Verstoßene" in Aschur und in Mizrajim. Das Land Aschur ist der Ort des Glückes ("Oscher"), das Land von Ninive und Tarschisch [siehe Buch Jona], Quellen von Reichtum und Glück ('Oscher und Oscher). Aschur, das Land des Glückes und der Lebensfreude, wie es heißt: "b'oschri ki ischruni banot - Zu meiner Seligkeit! denn selig preisen mich die 
Töchter" (Gen.30,13). In diesem Lande Aschur kann man leicht verlorengehen, im Sinne des "doch als Jeschurun [die Juden] fett geworden, schlug es aus; du wurdest fett und dick und feist.." (Dt.32,15). Der göttliche Funke ihrer Seele versank und verschwand in der Vielfalt der ihnen wesensfremden Vergnügungen, denen sie verfallen waren während ihrer Tage und ihrer Nächte. 

Und es gibt die Verstoßenen im Lande Mizrajim ["Mizrajim" kann auch als "Mezarim" = "Bedrängnisse" gelesen werden], die die Armut ihrer geistigen Freiheit beraubt und sie von G~ttes Wegen abbringt. "...sie [die bei den Ägyptern/Mizrim versklavten Kinder Israel] aber hörten nicht auf Moscheh, aus Kleinmut und wegen der schweren Arbeit" (Ex.6,9). Die Vortrefflichkeit ihrer Seelen wurde mehr und mehr von den 
Beschwernissen und Sorgen der Zeit verdeckt. Und das ist das Wesen des Klanges des "großen Schofars" - er erweckt alle jene, die im vermeintlichen Glücke feststecken und jene, die in Sorgen versinken. So wie Maimonides schrieb: "Obwohl das Schofarblasen an Rosch Haschana eine Bestimmung der Schrift ist, beinhaltet es doch auch eine 
Andeutung, etwa wie 'Schlafende, wachet auf aus eurem Schlummer, Schläfer, schrecket auf aus eurem Tiefschlaf'" (Gesetze von der Umkehr, 3,4). 

Dies drückte der heilige Poet, Rabbi Elchanan, in seinem Gebet "Unetane Tokef" (im Mußafgebet von Rosch Haschana) so aus: "ins große Schofar wird gestoßen und eine zarte Flüsterstimme gehört". Wenn ins große Schofar gestoßen wird - wie und warum hört man eine zarte Flüsterstimme? An diesem furchteinflößenden Tage hört der Mensch 
eine innere Stimme, die Stimme seiner Seele, eine göttliche Stimme aus seiner Seele. Durch den Schofarton befreit sich die Seele von ihren Fesseln, und der Mensch hört ihr zu - "hört eine zarte Flüsterstimme".