"Und es geschah, als Jakov sah die Rachel, Tochter Lawans, des Bruders
seiner
Mutter ... und Jakov küßte Rachel.." (Gen.29,10-11). Seltsam,
wie ein Mann, so groß
und so heilig, ein Mädchen küßt, das weder seine Frau
ist noch das er jemals in
seinem Leben gesehen hat? Dazu übermitteln uns die talmudischen
Weisen im
Midrasch, daß die dort Anwesenden erschüttert waren - und
Jakov weinte, weil sie
ihn nicht verstanden. "Warum weinte er? Weil er die Leute sich wegen
seines Kusses
einander zuraunen sah: Was kommt jener daher, uns Unzucht zu lehren?!"
(Bereschit
rabba 70,12). In Wirklichkeit gab es gar Liebes-Kuß, vielmehr
begegnete Jakov hier
dieser großen Seele, die so sehr zu ihm paßte, die so sehr
für ihn ihm bestimmt war
und er auf eine Stufe höchster gefühlsmäßiger
Begeisterung gelangte, daß er sie sogar
küßte. Nach dem oben erwähnten Midrasch war es denn
auch ein "Kuß der
Familiarität". Vielleicht erscheint es aber doch jemandem fraglich,
ob es wirklich ein
rein seelischer Kuß war, frei von den Beschränkungen des
Körpers? Die simple
Antwort lautet: Jemand, der die ganze Nacht mit Leah in der Annahme
verbringen
kann, es sei Rachel, und erst bei Tagesanbruch bemerkt: "siehe, da
war es Leah!"
(29,25), kann nur von hochrangiger Heiligkeit sein und frei von sinnlichen
Gelüsten.
Dies ähnelt der im Talmud erwähnten Geschichte von dem Mann,
der wegen seiner
großen Sittsamkeit erst beim Tode seiner Frau bemerkte, daß
sie einarmig war
(Schabbat 53b).
Trotzdem stellt diese Liebe in all ihrer Erhabenheit noch nicht das
letzte Wort dar.
Die Liebe zu Leah ist eine verborgenere und steht auf noch höherer
Stufe. Sie beruht
nicht auf gegenseitiger Zuneigung, noch nicht einmal in spiritueller
Hinsicht, sondern
nur auf dem Verlangen nach Kindern. "Und sie nannte seinen Namen Re'uwen,
denn
sie sprach: Ja, der Ewige hat mein Elend angesehen, denn nun wird mich
mein Mann
liebgewinnen" (Gen. 29,32). Dieser Liebe geht es um die Weiterführung
der
Generationen des jüdischen Volkes, und durch ihre Nähe
zum Kern des jüdischen
Wesens bleibt sie dem Betrachter verborgen. Darum zeigt sich anfangs
nach außen
hin, "daß Leah mißfällig war" (Gen. 29,31), was nicht
als grobe Antipathie auszulegen
ist, sondern als geringere Liebe verglichen mit der zu Rachel: "er
liebte Rachel noch
mehr als Leah" (Gen. 29,30). Also wurde auch Lea geliebt, aber Rachel
noch mehr.
Denn im Zentrum romantischer Liebe ruht unsichtbar die Liebe zur
Ewigkeit. Um
dieses Thema geht es im Buche des Philosophen Platon über die
Liebe, das den
Wegen des Glaubens als sehr nahe gilt, wie es im "Sohar" (Buch
der Kabbala)
bezüglich Teilen der Weisheit Griechenlands heißt. Damit
sind besonders seine
"Ideen" gemeint. Menschen wollen ewig bestehen, und Heirat und das
Zeugen von
Nachwuchs bieten ihnen direkten Zugriff auf die Ewigkeit, soweit sie
sich in der
diesseitigen Welt verwirklichen läßt. Das ist der wahre
Grund der gegenseitigen
Liebe. - Dieser Gedanke spiegelt sich in wunderbarer Klarheit wider
im Stil der
Formulierung von Geboten der Tora: Es gibt in der Tora kein Gebot zu
Heiraten,
vielmehr heißt es "seid fruchtbar und mehret euch" [=das erste
der 613 Ge- und
Verbote der Tora]; das Eheleben rankt sich organisatorisch um die Generationenfolge,
und der Geschlechtstrieb drängt nach der Zukunft.
Unser Stammvater Jakov muß vom Zustand der romantischen Liebe
zur
verantwortungsbewußten, von der Ewigkeit genährten Liebe
überwechseln. Die
erstere versperrt jedoch den Weg zur letzteren. Daher bleibt die Verbindung
zwischen
Jakov und Rachel zunächst kinderlos, bis sich die Verhältnisse
weiter klären, als
Rachel sagt: "Schaffe mir Kinder, wenn nicht, so sterbe ich" (Gen.
30,1). Sie kämpft
"göttliche Wettkämpfe" (Gen. 30,8), bis G~tt ihren Schoß
öffnet (Gen. 30,22). Und
doch gibt es noch immer gewisse Schwierigkeiten: "Als ihr [Rachel]
die Geburt so
schwer wurde...als ihr die Seele ausging.." (Gen. 35,17-18). Die zeitweilige
Vorherrschaft Rachels muß der beständigen Herrschaft
Leahs weichen. Die
romantische Liebe führt als als notwendige Etappe zur Vorbereitung
des
höherrangigen Zustandes "und sie werden zu einem Leibe"
(Gen.2,24) - "das Kind
wird durch beide erzeugt, darin werden ihre Leiber zu einem"
(Raschikommentar). So
wird das vollkommene Haus von beiden gemeinsam erbaut - auch das Haus
Israel.
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