Im Talmudtraktat "Brachot" wird die Geschichte erzählt, wie Rabbi
Jochanan seinen
kranken Schüler Rabbi Elasar besuchen kam und diesen weinend vorfand.
Rabbi
Jochanan wollte den Grund dieses Weinens herausfinden und fragte ihn
unter
anderem: "Vielleicht weinst du, weil du nicht genug Tora gelernt hast?
Das ist doch
kein Grund, denn wir haben gelernt: Ob viel oder wenig, wenn er nur
seine Gedanken
auf den Himmel richtet" (Brachot 5b). Nicht die Menge entscheidet,
sondern das
Ausrichten der Gedanken auf unseren Vater im Himmel.
In der gleichen Gemara (17a) finden wir den folgenden Wahlspruch der
Rabbiner aus
Jawne [eine zeitlang Sitz des Sanhedrins nach der Zerstörung des
Tempels]: "Ich bin
ein Geschöpf und mein Nächster ist ein Geschöpf" - das
heißt 'ich, der sich mit der
Tora befaßt, bin ein Geschöpf, und ebenso ist mein Nächster
vom einfachen Volke
ein Geschöpf' (Raschikommentar), "meine Arbeit ist in der Stadt
und seine Arbeit auf
dem Felde"; "Vielleicht aber sagst du: ich tue viel, er aber wenig,
so haben wir
gelernt: ob man viel oder wenig tut - wenn man nur sein Herz auf den
Himmel
richtet". In der Gesellschaft gibt es sowohl Toragelehrte als auch
Handwerker, und
beide Gruppen haben die Pflicht, sich mit der Tora zu beschäftigen
(MaHaRScha
ebda.), und wenn sich jeder nach besten Kräften dafür einsetzt,
"erhalten sowohl der,
der viel tut, als auch der, der nur wenig tut, den vollen Lohn" (Raschi).
Die vorgenannte Erklärung stützt sich auf die letzte Mischna
des Traktates
"Menachot" (Von den Speisopfern), die diese Bedeutung den Versen unseres
Wochenabschnittes entnimmt: Beim Vieh-Brandopfer heißt es: "ein
Feueropfer
angenehmen Geruches" (Lev. 1,9), beim Geflügel-Brandopfer: "ein
Feueropfer
angenehmen Geruches" (Lev.1,17), und beim Speisopfer: "ein Feueropfer
angenehmen Geruches" (Lev.2,9) [d.h., alle sind G~tt gleich lieb] -
um dir zu sagen:
ob viel oder wenig, wenn er nur sein Herz zum Himmel richtet. Und die
Gemara
bringt dazu einen Vers aus dem Buche Prediger (5,11): "Süß
ist der Schlaf des
Ackerbauers [nach der talmudischen Auslegung: des Diensttuenden, des
Opferbringenden, er braucht seine Sünden nicht zu fürchten],
er esse wenig oder viel".
Warum sollte man sich dann groß verausgaben? Nun, es versteht
sich wohl von selbst,
daß hier das individuelle Vermögen maßgeblich ist.
Für den Armen bedeutet die
Darbringung einer Handvoll Mehl soviel wie für den Reichen ein
ganzes Vieh. Es ist
eben alles relativ. Und wenn jeder das in seinen Kräften Stehende
tut und seine
Gedanken vollständig auf den Himmel gerichtet sind, dann gilt
"ob viel oder wenig".
Von einem aber, der viel tun könnte und sich nur zu einem Bruchteil
dessen aufrafft,
ist dabei sicher nicht die Rede.
Wir haben damit also zwei Richtlinien vor uns, die in gegensätzliche
spirituelle
Richtungen zielen und einander ergänzen:
1. Man muß sich anstrengen, mit ganzer Kraft Tora zu lernen und
gute Werke zu
vollbringen.
2. Man muß mit seinem Anteil zufrieden sein, auch in spiritueller
Hinsicht. Das darf
allerdings nicht als Ausrede für Trägheit herhalten; zwar
heißt es einerseits: "Dir liegt
nicht ob, das Werk zu vollenden", aber im gleichen Atemzug: "du bist
aber nicht
befugt, davon müßig zu bleiben" (Sprüche der Väter
2,21). Man muß sich über das
Erreichte freuen, und auf dieser Basis immer weiter hinzufügen.
Was außerhalb des Menschenmöglichen steht, gilt als nicht
existent; wenn also
jemand wirklich geradlinig und ohne sich selbst etwas vorzumachen,
alles, was
wirklich in seinen Kräften steht, tut, erhält er Lohn für
das Wenige wie für das Viele.
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